Pan

Ruinen des Waldes

Das Reich des Gottes Pan ist die Wildnis schlechthin.
Riesige Buchenwälder überziehen das Land. Im Frühjahr, wenn die Kronen der Buche noch
nicht so dicht sind, dass sie alles Licht verschlucken, verwandelt die Sonne den Wald in ein
lichtes Meer aus warmen, zarten hellgrünen Tönen. Der glatten, schlanken nach oben
strebenden Buche steht die Mächtigkeit der Eiche mit ihrem knorrigen, breiten Wuchs
gegenüber. Sie ist einzeln oder auch in ganzen Wäldern zu finden.
Weit verstreut gibt es Quellen, deren Bäche sich zusammenschließen und einen Fluß bilden.
Seine Arme schlängeln sich weit verzweigt durch die dazugehörigen Auenwälder. Durch sein
unbändiges Wesen des An- und Abschwellens, sein Flussbett verlassend, das Land
überschwemmend und sich wieder zurückziehend gibt er der Weide das, was sie braucht. Sie
ist dem Fluß direkt zugewandt, sich manchmal weit zu ihm beugend, wie in einem
Zwiegespräch.
Waren es nicht Weidenkörbchen, in denen die Kinder auf dem Fluß ausgesetzt wurden?
Aber auch die Pappel ist zu vernehmen, etwas weiter entfernt vom Wasser. Das silberfarbige
Aufscheinen und das Geräusch der Blätter, wenn der Wind hindurchweht und sie
aneinanderschlagen lässt, weist auf sie hin.
Sümpfe und schwarze Moore mit dunkler, wasserdurchdrungener Erde.
An den gebirgigen Hängen haben sich Tanne, Fichte und Kiefer niedergelassen. Je höher,
desto wettergegerbter.
Hier tummeln sich die Nymphen, den Gott Pan erwartend, der durch diese Wildnis streift.
Dieses Reich muß es gegeben haben. Damals, als das Römische Reich zerbrochen war, und
noch kein fränkischer Herrscher sich den Wald zu eigen machte. Da war alles Land, das nicht
bebaut und genutzt wurde Niemandsland. Es gehörte einfach niemandem, kein Mensch
kümmerte sich darum – die Wildnis.
Bauern und Handwerker nutzten wohl einen Teil des Waldes. Sie nahmen den Honig der
Waldbiene oder das Harz der Kiefern. Das Holz diente als Brenn- oder Baumaterial. Der Hirte
trieb Schweine, Rinder, Schafe und Ziegen in den Wald. Der Handwerker nahm sich das Holz
der Erle und machte die Spinnradspule daraus. Aus dem Holz des Weißdorns wurden
Rechenzähne, der Spitzahorn gab die Kufen des Schlittens ab.
Das Wissen dafür ruhte in der langen Erfahrung um die Eigenart eines jeden Baumes, seiner
Härte, seiner Maserung oder seines Wuchses. Auge, Hand und Verstand bestimmten das Maß
des Eindringens in das Reich.
Zu dieser Zeit, als es diese Ursprünglichkeit noch gab, da meine ich, ist auch der Ursprung
des Märchens zu finden. Da gab es noch den Wald, in den das Schneewittchen vor der
Königin flieht, aus dem der Jüngling den Eisenhans ruft, in dem Joringel und Jorinde wandeln
und dem Schloß des alten Weibes zu nahe kommen. Da saßen sie auch noch zusammen, als es
die Hestia noch gab, die Göttin des Herdfeuers und des Heimes und erzählten……..
Wann verließ der Gott sein Reich, warum zerfiel es?
Man muß weit zurückgehen in der Geschichte – bis in die Anfänge des fränkischen Reiches.
Dessen Könige waren zur Festigung und zum Ausbau ihrer Macht auf die Unterstützung des
weltlichen Adels und der Kirche angewiesen. Um sich dieser zu versichern, bedurfte es einer
Gegenleistung, die Dienste für den König mussten auch entlohnt werden. So begannen die
Könige Land zu verschenken an Bischöfe, an Äbte und Klöster, an Herzöge, Grafen oder
Fürsten. Das Land gab es in Hülle und Fülle, aber rechtlich gesehen gehörte es weder dem
König, noch jemand anderem.

Kurzerhand wurde daher altes römisches Recht auf das jetzige Reich übertragen, nach
welchem alles Land, das `Niemandem` gehörte, dem Kaiser, bzw. dem König zufiel. Damit
war die Wildnis aus ihrer Eigenständigkeit vertrieben worden. Auf dieses Land – und Land
hieß damals hauptsächlich Wald – griffen sie bei ihren Schenkungen zurück.
Nach dieser ersten Einverleibung belegten sie des weiteren den Wald mit einem Bann, der
besagte, dass auschließlich die Herrschenden weitere Rechte am Wald besaßen, wie z.B. die
Jagd, das Fällen von Bäumen, die Nutzung der Waldweide für das Vieh…. Dieser Vorgang
wurde in damaligen Urkunden `forestis´ ( Einforstung ) genannt. Der Begriff stammt vom
lateinischen `foris`, welches übersetzt heißt: draußen, außerhalb, abgezäunt, nach draußen
abgeschlossen.
Hier liegt der Ursprung des heutigen Wortes `Forst` im Gegensatz zu Wald. Dieses meint also
ein abgegrenztes Sück Wald, an dem jemand ein Recht besitzt. So gesehen gibt es bei uns
keinen Wald mehr!
Wen wundert`s, dass sich hier ein Gott verabschiedet?
Die Dinge nahmen ihren Lauf. Städte wurden gebaut, brannten ab, wurden wieder aufgebaut.
Großgewerbe, wie Salzgewinnung, Erzabbau oder Glasherstellung blühten. Die
Bevölkerungszahl stieg gewaltig an. Es wurde gerodet, man benötigte Unmengen an Holz
zum Bauen, zum Heizen, zur Verarbeitung. Irgendwann sah man, dass die Energievorräte des
Waldes begrenzt waren und man begann das Wachsen des Waldes zu planen.
Das Prinzip der „Nachhaltigkeit“ ( d.h. dem Wald nicht mehr zu nehmen, wie auch
nachwachsen kann ) wurde zum Schlagwort. Die Forstwirtschaft war damit begründet. Heute
wird diese geschichtliche Entwicklung als große Errungenschaft bezeichnet.
Meineserachtens deuten diese forstwirtschaftlichen Regelungen aber vielmehr daraufhin, dass
die eigentliche Problematik, nämlich die Anmaßung des Menschen, die Zeugungs- und
Schaffenskraft eines Gottes unverfroren einem Plan zu unterstellen, völlig unbegriffen blieben
und noch immer sind.
Folglich rächte sich der Gott. So wie in den` Bakchen` des Euripides der Gott Dionysos den
König Thebens mit dem Tode bestraft, weil dieser ihm Ehre und Huldigung verweigert hatte,
so rächt sich nun der Gott Pan an der Maßlosigkeit des Menschen, der die Anwesenheit des
Gottes so sehr missachtete. Er straft ihn mit seinem Fortgehen. Er ist nicht mehr zu finden und
mit ihm auch nicht mehr das männlich Zeugende, aus dessen Lebenssaft heraus die Wildnis
sproß.
Was bleibt sind die ökologischen Bemühungen, den schon lange nicht mehr vorhandenen
Wald zu erhalten, wie z.B. in Form von Nationalparks, die nichts anderes sind, als die
damaligen Einforstungen, an denen bestimmte Menschen bestimmte Rechte hatten und die
somit nichts mit Wald oder Wildnis zu tun haben.
Es sind die pädagogischen Ansätze, die mit Hilfe von einem Barfußparcour oder einem
Waldlehrpfad versuchen, den Menschen wieder einen `Bezug zum Wald` zu vermitteln.
Es sind die einheitlich funktionalen Fichtenwälder, denen es an der unbeabsichtigten Vielfalt
mangelt, die jeglicher Fruchtbarkeit entbehrend dahinsiechen mit ihren nackt in den Himmel
ragenden Baumleichen, angeblich krank vom sauren Regen.
Eben die Ruinen des Waldes.

Quellen:
– „Griechische Mythen“ von F.G. Jünger
– „Forstgeschichte“ von Karl Hasel. Ekkehard Schwartz im Verlag Dr. Kessel
– „Rettet den Wald“ von Horst Stern

Nach oben scrollen